
Im Seuchenjahr 2020 erlebt das Kinogeschäft einen gewaltigen Einbruch. Die Stadtluzerner Kinos verkauften bisher 53 Prozent weniger Tickets als im gleichen Zeitraum letztes Jahr, 74’000 Besucherinnen und Besucher blieben aus. Gesamtschweizerisch liegen die Verkäufe gar 60 Prozent unter dem Vorjahresergebnis. Das zeigen Zahlen des Schweizerischen Verbands für Kino und Filmverleih Procinema. Totgesagt ist das Kino schon lange – stirbt es 2020?
Die langanhaltende Krise spitzt sich zu. Seit Jahrzehnten leidet die Stadt Luzern am Kinosterben. Die Liste der verschwundenen Säle ist lang: Apollo, Rex, ABC, Madeleine, Piccolo, Broadway, Limelight, Atelier. Wo früher Filme gezeigt wurde, sind heute Nachtclubs, Kochschulen oder Schuhgeschäfte eingemietet. Lediglich vier Kinos auf städtischem Boden haben überlebt. Das Bourbaki und Stattkino am Löwenplatz. Das Capitol an der Zentralstrasse und das Moderne an der Pilatusstrasse.
Harter Konkurrenzkampf
Durch technische Erneuerungen hat die heimische Stube den Kinosaal fortlaufend abgelöst: Zuerst durch VHS-Kassetten, dann DVDs, Blue-Rays und Video-on-Demand, heute durch Streamingdienste. Doch die digitalen Heimangebote sind für das Kino nicht die einzige Konkurrenz, sagt Procinema-Generalsekretär René Gerber. Auch weitere Freizeitangebote seien in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen.
Gerber nennt etwa Bars, Clubs, Theater und Konzerte als Konkurrenzangebote: «Alle buhlen um die gleichen Leute.» Deswegen müssten die Betriebe ihre Kinos zu Treffpunkten machen.Aber: «Das Wichtigste im Kino ist immer noch der Film.»

Nur Bond kann retten
Das Luzerner Kinoprogramm wird grösstenteils von Zürcher Unternehmen gelenkt. Das Bourbaki gehört zur Neugass AG, Capitol und Moderne werden von der Swisscom-Tochter Blue Cinema betrieben, die Ende September den alten Namen Kitag AG abgelegt hat. Nur das Stattkino ist noch in einheimischer Hand. Eines haben die Betreiber aber gemeinsam. Sie alle mussten am 16. März coronabedingt schliessen. Die Einnahmen der Frühlingssaison fielen weg. Die Wiedereröffnung am 11. Juni kam später als erwartet und fiel mitten in den Sommer, wenn die Publikumsströme für gewöhnlich ausbleiben.
Dazu kam das Problem mit Hollywood. Weil Corona das Herzen der US-Filmindustrie lahmlegte, verzögerte sich die Fertigstellung vieler Blockbuster-Filme. Den Kinos entgehen dadurch bitter nötige Kassenschlager. Erst im April nächsten Jahres läuft mit dem neuen James-Bond-Film «No Time To Die» ein garantierter Strassenfeger an. 007-Neuerscheinungen hatten bisher immer positiven Einfluss auf die Ticketverkäufe in der Schweiz.
Geld oder Anspruch?
Bis dahin hat es sich ein anderer Film zum Ziel gesetzt, die Krise der westlichen Kinowelt zu beenden. Am 26. August kam «Tenet» von Christopher Nolan auf die Leinwand (hier geht es zur Kritik). Der Streifen dürfte zwar nicht die gleiche Anziehungskraft wie ein James Bond haben, könnte für einige Kinos aber für Schadensbegrenzung sorgen. Das Problem dabei: «Tenet» ist ein Fall für die Multiplex-Kinos, die grossen Unterhaltungszentren. Kinos mit alternativem Anspruch stellt sich also die Frage, ob man an diesem festhalten will oder sich von willkommenen Einnahmen locken lässt.
Die Neugass-Kinos haben den Film jedenfalls in ihr Programm aufgenommen. Er läuft also auch im Bourbaki. Doch passt ein actionreicher Agentenfilm zum Leitbild, das ein Publikumssegement ansprechen soll, das «neben Unterhaltung auch eine geistige Herausforderung sucht»? Neugass-Programmleiter Frank Braun gibt sich flexibel. «Die Passform ist variabel.» Den Film zu zeigen, nennt er ein «interessantes Experiment». Die Neugass AG wolle sich auf zwei Seiten offen zeigen: Es soll mehr Platz geben für Nischenfilme, die ein Szenepublikum ansprechen. Aber auch für Blockbuster, die ein Publikumssegment anlocken, das grösser ist als die Stammkundschaft.

Underdog in Bedrängnis
Das Stattkino ist das einzige Luzerner Kino, das sich konsequent den Blockbustern verweigert. Das hat seinen Preis. Denn Kassenschlager, auf die man zählen kann, gibt es in der Arthouse-Welt nicht. «Es ist wesentlich schwieriger, vorherzusehen, welcher Film das Publikum konstant anlockt», sagt Peter Leimgruber, der das Stattkino seit 20 Jahren leitet. Das bedeutet erheblichen Mehraufwand. «Man muss wahnsinnig viel machen, damit die Leute kommen.» Leimgruber erzählt von Telefongesprächen, von wichtigen Zusagen, von Bekannten, dank denen er noch im letzten Moment Stiftungsgelder für einen Anlass auftreiben konnte. Zudem wird das Stattkino von der Stadt Luzern jährlich mit einem Beitrag von 72'000 Franken unterstützt. Existenzängste spürt Leimgruber zurzeit nicht, er glaubt an sein Programm und zählt auf eine treue Kundschaft. «Wir sind auf dem richtigen Weg.»
Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Film hat für Leimgruber einen hohen Stellenwert. «Das ist mein Leben», sagt der ehemalige Theaterschauspieler. Mit Leidenschaft verteidigt er seinen Platz in der lokalen Kinohierarchie. Doch er tritt als Underdog an. Selbst im eigenen Revier kriegt er dies zu spüren. Mit Zähneknirschen hat er vergangenen März hinnehmen müssen, dass sich das Bourbaki im Stattkino einmietete. Das geschah nicht freiwillig. Der Kleinbetrieb wurde von den Vermietern, der Stiftung Bourbaki Panorama, vor ein Ultimatum gestellt: Entweder, das Bourbaki darf sich einmieten, oder der Mietvertrag des Stattkinos wird nicht verlängert. Leimgruber musste einlenken. Wachsen kann sein Kino auf absehbare Zeit nicht.
«Nichts hat ewig Bestand»
Das Bourbaki kann durch diese territoriale Erweiterung mindestens einen zusätzlichen Film pro Tag zeigen. Doch wegen der pandemiebedingten Schliessung konnte das Kino bislang kaum davon profitieren. An Braun von der Neugass AG nagen derzeit aber keine Zukunftssorgen. Dennoch sagt er: «Nichts hat ewig Bestand.» Momentan sieht er im Bourbaki-Programm aber noch unausgeschöpftes Potenzial. Das Kino soll für Familien attraktiver werden. Dafür hat das Bourbaki das Kinderkino «Bourbakli» gegründet. Ab Oktober werden regelmässig aktuelle und ältere Kinderfilme gezeigt: «Jim Knopf», «Yakari», oder «Chihiros Reise ins Zauberland». Diese Strategie fährt die Neugass AG in den Zürcher Kinos bereits seit längerem erfolgreich.
Den vielfältigen Streamingangeboten zum Trotz: Familien gingen auch heute noch gerne in die Kinos, versichert Procinema Generalsekretär René Gerber. In einem anderen Segment sieht er jedoch deutliche Probleme. Jugendliche bis 25 Jahre seien immer weniger im Publikum zu finden. Zwar sei bei älteren Personen einen Zuwachs festzustellen, dieser könne aber die Abwanderung der Jugend nicht kompensieren. Das Kinopublikum wird also älter, aber vor allem kleiner. Während die Schweizer Bevölkerung seit 1999 um gut 20 Prozent wuchs, nahmen die jährlichen Kinobesuche um fast genauso viel ab.

Verlegung in die Agglo
Diesem Trend versuchen die Betreiber mit einer Ausweitung ihres Angebots entgegenzuwirken. Das Stattkino setzt auf die aktive Auseinandersetzung mit der Filmkunst, etwa an Podiumsgesprächen. Die Neugass-Kinos ergänzen ihre Programme mit einem Gastroangebot, das die Publikumssegmente erweitern soll.
Auch bei Blue Cinema, zu dem das Capitol und Moderne gehören, finden Umstrukturierungen statt. «Reines Kino zu machen ist leider oft zu wenig», schreibt die Medienstelle auf Anfrage. Konkret bietet die Kinobetreiberin zusätzlich Bowling, Sportbars oder Liveübertragungen von Fussballspielen an. Die Swisscom-Tochter sieht darin das «Kino der Zukunft».
Dieses Mischangebot könne den Schweizer Kinos unter dem Strich durchaus helfen, meint René Gerber von Procinema. Das bisherige Modell scheint nicht mehr rentabel. «In einigen Innenstädten ist es heute schwierig, mit Ein- oder Zwei-Saal-Kinos zu überleben», schreibt Blue Cinema. Ihre Unterhaltungskomplexe stehen in der Agglomeration, etwa das Maxx-Multiplex am Seetalplatz in Emmenbrücke.
Während das Capitol am Bundesplatz mit seinen sechs Sälen aus der Lockdown-Pause zurückgekehrt ist, scheint die Zukunft vom Ein-Saal-Kino Moderne an der Pilatusstrasse ungewiss. Es bleibt bis auf weiteres geschlossen, heisst es bei Blue Cinema. Man wolle zunächst die Bestätigung weiterer Filmstarts abwarten. Es klingt nach einem Abschied auf Raten.
Ramon Juchli stammt aus dem Luzerner Hinterland, studiert Politikwissenschaften und arbeitet bei Radio 3fach. Kultz.ch hält er für das wahnwitzigste Kulturprojekt seit der Salle Modulable. Nur mit grösseren Erfolgschancen.
